Prägung

In der Ethologie (Verhaltensforschung) und Tierpsychologie ein Anpassungsvorgang, der angeborene Verhaltensmuster (angeborene auslösende Mechanismen) mit dem Einfluß von umweltbezogenen Lernprozessen verbindet. So entsteht etwa bei Entenküken die Mutterbindung (= Mutterprägung) dadurch, daß sie während einer kurzen kritischen Phase nach dem Schlüpfen dem ersten beweglichen Objekt, das sie wahrnehmen, folgen, als wäre es ihre Mutter. Es handelt sich dabei um das Ausfüllen einer Leerstelle im Ablauf von Instinkthandlungen, d.h. um das umweltbezogene Einprägen des Objekts gegenüber den übrigen angeborenen, auf einen Artgenossen gemünzten Triebhandlungen. Die Prägung des Jungtiers (z.B. des Entenkükens auf das Muttertier, bei künstlich ausgebrüteten Enten auch auf den zuerst erblickten menschlichen Pfleger) ist starr und nicht auslöschbar (irreversibel). In der Lerntheorie wird der Begriff der Prägung im Hinblick auf den Menschen weiter gefaßt; es ergeben sich Anknüpfungspunkte in den Konzepten des latenten Lernens und des Lernens durch Wahrnehmung, zweier Lernformen also, die sich nicht durch Konditionierungsprozesse erklären lassen und offenbar keine Triebverminderung oder Belohnungsereignisse benötigen. Prägung wird als spezielle, genetisch programmierte Art des Lernens aufgefaßt, die durch sensible Perioden in der Kindesentwicklung gekennzeichnet ist. Prägende Faktoren aus der Umwelt sind z.B. Schichteinflüsse und traumatische Ereignisse während der primären Sozialisation. In der Verhaltensentwicklung unterscheidet man heute eine kritische, empfindliche und optimale Periode der Entwicklung von stabilen Verhaltensmustern im Sinne der Prägung. Kritische Perioden sind sehr kurze Zeiträume in der menschlichen Entwicklung, die in etwa der kritischen Phase im Tierreich entsprechen. Empfindliche Perioden sind Zeiträume, während deren ein Organismus gegenüber bestimmten Reizen extrem empfindlich reagiert und daraufhin angeborene Reaktionen ausführt. Optimale Perioden schließlich sind längere Zeitspannen, in denen ein Kind am empfindlichsten auf gewisse Aspekte der Umwelt (etwa schichtspezifische Rollenverpflichtungen) reagiert und darüber hinaus besonders bereitwillig auf bestimmte Lernsituationen eingeht.

Siehe auch: Deprivation, Fixierung, Hospitalismus, Instinkt, Lernen, Objektbeziehungen, Sozialisation