Biologische Rhythmen

Der rhythmische Ablauf von Lebensvorgängen im Sinne der phylogenetischen (stammesgeschichtlichen) Anpassung des Organismus an regelmäßig wechselnde Umweltbedingungen. Das einfachste Beispiel ist der nächtliche Schlaf des Menschen, dessen Aktivität sich während der Hunderttausende von Jahren seiner primitiven Entwicklungsstufe wie bei anderen «Tagtieren» hauptsächlich nur bei Tageslicht entfalten konnte. Am besten bekannt sind die vom autonomen Nervensystem gesteuerten, vom Willen unabhängigen zirkadianen (von der Tagesperiodik beeinflußten) Rhythmen. Bei Tag sind die für die Aktivität nötigen Funktionen höher eingestellt: Der Sympathikus steigert den Blutdruck, beschleunigt und verstärkt Herzaktion und Atmung. Das Blut fließt hauptsächlich in Gehirn und Muskulatur, aber auch in die Nieren: Die Hauptmenge des Harns wird bei Tag ausgeschieden. In der Nacht geht der größte Teil des Blutes in die Verdauungsorgane. Unter dem Einfluß des Vagus regeneriert der Körper die bei Tag verausgabte Kraft: Die schon früher mit Galle und Verdauungsenzymen vermengte Nahrung wird nachts vom Darm aufgenommen, und nachts füllt die Leber ihren Vorrat an dem

Kohlehydratglykogen auf. Unter dem Einfluß des Vagus stehen auch beim Mann die Entleerung der Samenblase und die Erektion, entsprechend bei der Frau klitoridale und vaginale Kontraktionen sowie die Wehentätigkeit. Auch das ACTH (Adrenocorticotrope Hormon) und damit die Cortisolausschüttung folgen einem zirkadianen Rhythmus. In den zeitigen Morgenstunden ist der Blutspiegel am höchsten, dann sinkt er, steigt noch einmal am frühen Nachmittag ein wenig an, um am späten Nachmittag stark abzusinken und nachts den Tiefpunkt zu erreichen. Biologische Rhythmen haben eine eigene Gesetzlichkeit und sind offensichtlich nicht einfach mit Schlaf und Wachen gekoppelt. Das gilt insbesondere für das autonome Nervensystem. So kommen bei Nachtarbeitern Geschwüre am Magen sehr viel häufiger vor als bei Arbeitern, die nur am Tage arbeiten. Trotz Wachseins überwiegt bei Nachtarbeitem doch der Vagus und nicht der Sympathikus; ebenso überwiegt bei Tag im Schlafe der Sympathikus und keineswegs der Vagus.

Siehe auch: Streß