1.1.
Grundbegriffe der psychologischen Methodik

Seit ihren Angängen steht die psychologische Methodenlehre vor der folgenden Alternative: Geht man 1. von der Vorstellung aus, Messung sei jede Zuordnung von Werten zu irgendwelchen Gegebenheiten, bei denen die Werte bestimmte empirisch kontrollierte Aussagen zulassen und bestimmte vorgegebene formale Bedingungen erfüllen, dann ist jede Messung von psychischen Sachverhalten (z.B. Empfindung, Einstellung, Erwartung, Intelligenz, Kreativität usw.) möglich. Stellt man sich hingegen 2. auf den Standpunkt der klassischen Meßtheorie und fordert, es müsse in der Menge der zu messenden Gegebenheiten eine Operation des Zusammenfügens definiert sein (etwa durch die Regeln der Operationalisierung), die eine Addition von Meßwerten entspricht, dann ist die Messung von psychischen Meßverhalten nicht möglich (Tack 1977, S. 19).

In verschiedenen Lesearten wird immer wieder die grundlegende Frage aufgeworfen, ob psychische Sachverhalte im Sinne von Qualitäten (= intensiven Eigenschaften) – im Gegensatz zur Extensität von Quantitäten (= extensiven Eigenschaften) – überhaupt meßbar seinen. Wesentliche Argumente gegen die Messung in der Psychologie sind u.a. (vgl. Gutjahr 1971):

  1. Psychische Gegebenheiten sind qualitativ nicht vergleichbar mit physikalischen Sachverhalten: Wegen der Willensfreiheit des Menschen ist Verhalten in verschiedenen Situationen unbestimmt, nicht vorhersagbar und deshalb auch nicht meßbar.
  2. Psychische Sachverhalte und Persönlichkeiten sind zu komplex und einmalig, als daß sie durch Messungen erfaßbar wären.

Die Diskussion um die Frage der Meßbarkeit ist in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Bereichen der Psychologie – beispielsweise in der Gegenüberstellung von klinischer Falldiagnostik und statistischer Urteilsbildung oder in der Kontroverse um die Frage der Intuition und des Stellenwertes der Mathematik in der Psychodiagnostik – wiederholt geführt worden. Die psychologische Forschung geht heute jedoch zumeist davon aus, daß jedes Gesetz, das eine quantitative Beziehung zwischen Reiz und Reaktion auszudrücken vorgibt, nicht  nur falsch, sondern ohne jegliche Bedeutung sei, da es insgesamt in der Psychologie nicht darum gehe, in unangemessener Weise – nämlich durch «Messung» von Qualitäten bzw. intensiven Eigenschaften – dem Vorbild der messenden Physik nachzueifern, sondern vielmehr darum, die Annahmen und Forderungen der klassischen Meßtheorie für viele Arten von Messungen im Bereich des Psychischen konstruktiv zu erweitern. So erhebt die empirische Psychologie heute überall da, wo sie ihr Vorgehen reflektiert, nicht den Anspruch, mit Hilfe messender Untersuchungsverfahren die Komplexität des Menschen vollständig zu erfassen. Erfaßt werden sollen lediglich bestimmte Beziehungen, die im Einzelfall konkret zu definieren sind. So will etwa die Intelligenzmessungen nichts weiter darstellen als eine Relation zwischen Menschen, die etwas über die Erfolgswahrscheinlichkeiten beim Lösen bestimmter Aufgaben aussagt. Man muß sich dieser Beschränkung messenden Vorgehens voll bewußt sein, um nicht überhöhte Erwartungen gegenüber Meß- und Skalierungstechniken zu entwickeln, die dann massiv enttäuscht werden und so zu einer generellen Ablehnung jeglicher Quantifizierung in der Psychologie führen können. Jedes vernünftige Meßverfahren in der Psychologie hat sein empirisches Relativ und läßt darüber hinaus die Reflexion auf die komplexe Wechselwirkung zwischen Untersucher, Untersuchtem, Methode und Situation zu. Von hier aus erklären sich auch die aktuellen Schwierigkeiten, Psychologie zu treiben im Sinne der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Verhalten und Erleben von Menschen in ihrer Umwelt, wachsende Schwierigkeiten für Forschende, Lehrende und Lernende gleichermaßen, die nicht zuletzt darin liegen, daß die psychologische Wissenschaft nicht nur ihren Gegenstand, sondern auch sich selbst, ihre theoretischen Prämissen, ihre Methoden, ihr Instrumentarium, ihren Praxisbezug ständig neu in Frage stellt (Tack 1977, S. 23).

Prinzipiell sagt die psychologische Methodenlehre nichts darüber aus, wie man bei einer konkreten Fragestellung sinnvoll im einzelnen vorgehen soll. Dies ist Aufgabe der jeweiligen praxisorientierten Teildisziplin (z.B. der psychologischen Diagnostik). Die Methodenlehre gibt allerdings Anhaltspunkte dafür, wie die formalen Grundlagen von psychologischen Meßinstrumenten aussehen müssen. Dieses Teilgebiet der psychologischen Methodenlehre bezeichnet man als «Meßtheorie» (Wottawa 1977, S. 51).

Einige Grundbegriffe der psychologischen Methodenlehre sollen hier im folgenden erläutert werden (siehe dazu die entsprechenden Stichwörter im Glossar). Festzuhalten ist in diesem Zusammenhang noch einmal, daß ein sinnvoller Umgang mit empirischen psychologischen Methoden erst möglich wird, wenn eine Rückkopplung der Datenverarbeitung mittels statistischer Analysen an die psychologischen Ausgangstheorien erfolgt, eine Rückkopplung, die das Handeln von Untersucher und Untersuchten gleichermaßen einbezieht.

Nimmt man einen weiteren Gesichtspunkt noch hinzu, daß nämlich die Fragestellung der jeweiligen Untersuchung, die Erhebung der Daten und die Interpretation der Ergebnisse immer im Hinblick auf die das Untersuchungsziel anvisierende Theorie vorzunehmen und zu überprüfen sind, dann erweist sich die unausweichliche Theoriebezogenheit der empirisch-psychologischen Methoden als nicht länger hinderlich, sondern im Gegenteil als wünschenswert: Beobachtung, Test, Experiment, Befragung und Interview sind nicht mehr «neutrale» Erhebungsmethoden, die «an sich» mit ihren Vorzügen und Mängeln behaftet, zu betrachten sind, sondern Erkenntniswege, über deren Wert und Unwert der Wissenschaftler jeweils im Zusammenhang mit ihrer konkreten Anwendung zu urteilen hat (Koeck/Strube 1977, S. 208-209).

Die Beobachtung ist die grundlegende Methode der Datengewinnung in allen empirischen Wissenschaften. Bei der psychologischen Beurteilung des Vorgangs der Beobachtung (= des Beobachtungsprozesses) empfiehlt es sich, folgende Aspekte zu unterscheiden: 1. die beobachtende Person, 2. das beobachtete Objekt, 3. die Beobachtungssituation, 4. die Mittel der Beobachtung (z.B. Sinnesorgane oder Meßgeräte) und 5. das theoretische Wissen, mit Hilfe dessen die Aspekte 1-4 aufeinander bezogen werden.

Während sich die Fremdbeobachtung (Verhaltensbeobachtung) auf das Verhalten anderer Personen bezieht, richtet sich die Selbstbeobachtung (Introspektion oder Erlebnisbeobachtung) auf das eigene Erleben und Verhalten, d.h. auf «innere» Erfahrungen, Gefühlseinstellungen, Erwartungen usw. [Anmerkung]

In den Anfangsphasen der wissenschaftlichen Informationsgewinnung dient die relativ freie Beobachtung (unsystematische oder naive Beobachtung) dem Erstellen von Hypothesen. In späteren Phasen der wissenschaftlichen Informationsgewinnung setzt dann die methodisch strenger normierte Beobachtung (systematische Beobachtung) ein, die vor allem der Hypothesenüberprüfung dient.

Ein wichtiger Gesichtspunkt beim Festlegen der Beobachtungsform ist die Frage, ob den untersuchten Personen mitgeteilt werden soll, daß sie beobachtet werden. Bei Untersuchungen an Kindern und beim Beobachten von Menschen in Alltagssituationen, also ohne «experimentellen Eingriff» wird man in der Regel auf eine entsprechende Mitteilung verzichten (unwissentliche oder verdeckte Beobachtung). Der Vorteil dieses Vorgehens liegt darin, daß die «natürlichen» Verhaltensweisen festgestellt werden können. Bei Experimenten unter kontrollierten Bedingungen wird dieses Vorgehen problematischer. Einerseits kann es technische Probleme geben, da bei der Anwesenheit eines als solchen erkennbaren oder vermuteten Versuchsleiters die Versuchsperson annimmt,  daß ihr Verhalten registriert wird. Früher wurden für die unbemerkte Beobachtung meist Einwegspiegelscheiben – die aus der Sicht des Versuchsraums als Spiegel wirken, von dem Beobachtungsraum gesehen ein Fenster in den Versuchsraum sind – verwendet. Heute können oft Fernsehkameras eingesetzt werden. Andererseits kann es aber sehr problematisch sein, durch die verdeckte Beobachtung die Intimsphäre der Versuchsperson zu verletzen, insbesondere dann, wenn durch die Versuchssituation sozial kaum akzeptierte Verhaltensweisen nahegelegt werden. Unter Forschungsgesichtspunkten ist aber immer zu berücksichtigen, daß bei der wissentlichen bzw. offenen Beobachtung zumindest in den Anfangsphasen der Untersuchung bei der Versuchsperson mit spezifischen, von der Beobachtungssituation abhängigen Verhaltensänderungen zu rechnen ist.

Bedeutsam ist schließlich auch die Unterscheidung zwischen aktiv oder passiv teilnehmender und nichtteilnehmender Beobachtung. Bei der teilnehmenden Beobachtung begibt sich der Beobachter gleichsam in das zu beobachtende Geschehen hinein, so daß er außer der Beobachterrolle mehr oder weniger noch die eines Partners zu erfüllen hat. Bei der nichtteilnehmenden Beobachtung bleibt der Beobachter psychisch und/oder physisch in Distanz, unter Umständen sogar völlig unbemerkt hinter einer Einwegscheibe.

Die Psychologie versucht als Erfahrungswissenschaft auf induktivem Wege verallgemeinerungsfähige Aussagen über Ursachen und Wirkungen sowie über Gesetzmäßigkeiten des Erlebens und Verhaltens von Menschen zu gewinnen. Da eine Einzelbeobachtung, für sich genommen, keine ausreichende Basis für Verallgemeinerungen, d.h. für das Erstellen von theoretischen Konstrukten im Sinne nomothetischer Aussagen, darstellen kann, sind Beobachtungen unter systematisch variierten Bedingungen nötig; darüber hinaus müssen die verschiedensten Störfaktoren, die die studierten Gesetzmäßigkeiten überlagern könnten, in geeigneter Weise ausgeschaltet werden. Diese Forderungen erfüllt in der Psychologie das Experiment. Unter einem Experiment versteht man die planmäßige Beobachtung eines Vorgangs unter systematisch variierten, hinreichend kontrollierten und möglichst wiederholbaren Bedingungen zum Zweck der Erweiterung der Kenntnisse über die herrschenden Gesetzmäßigkeiten oder der Überprüfung von Hypothesen. Das psychologische Experiment ist mithin eine empirische Datenerhebung unter einer bestimmten wissenschaftlichen Fragestellung, bei der ein Experimentator die Untersuchungsbedingungen möglichst genau herstellt und variiert bzw. kontrolliert sowie die in Abhängigkeit von diesen Bedingungen auftretenden Reaktionen, Verhaltensweisen, Ausdruckserscheinungen oder Erlebnisberichte möglichst präzise registriert, um durch eine Auswertung der erhaltenen Daten bestimmte Hypothesen über die Abhängigkeit der Ergebnisse von den Bedingungen zu überprüfen (Preiser 1977, S. 103). Die wesentlichen Kennzeichen des Experiments sind also:

  1. Die Willkürlichkeit. Willkürlichkeit (oder Planmäßigkeit, Absichtlichkeit) bedeutet, daß der Experimentator selbst entscheiden kann, wann, wo bei welchen Personen und unter welchen sonstigen Bedingungen er einen psychischen Vorgang auslöst, um ihn unter einer Fragestellung zu beobachten. Im Gegensatz zur Gelegenheitsbeobachtung, bei der bestimmte Erscheinungen zufällig bemerkt werden, aber auch im Gegensatz zur systematischen Beobachtung, bei der man sich Zeitpunkt und Thema der Beobachtungen aussucht, kann der Experimentator sich nicht nur auf seine Beobachtungen vorbereiten und die Randbedingungen der Untersuchung optimieren, sondern er kann auch den zu beobachtenden Vorgang selbst auslösen.
  2. Die Wiederholbarkeit. Wenn Bedingungen willkürlich hergestellt werden können dann lassen sich diese Bedingungen und damit das gesamte Experiment auch wiederholen.
  3. Die Variierbarkeit [Anmerkung].  Wenn Bedingungen willkürlich hergestellt werden könne, dann können sie auch in verschiedener Form hergestellt werden. Bei jedem Experiment werden Bedingungen variiert: Selbst wenn man nur feststellen will, ob Musikhören ganz allgemein das Fahrverhalten beeinflußt, wird man Autofahrer einmal mit und einmal ohne Musik fahren lassen und damit durch die Einführung von Kontrollgruppen oder Kontrollbedingungen Bedingungsvariation erzeugen.

Im Experiment werden Bedingungen variiert und die damit korrespondierenden Verhaltensmerkmale (Variablen) registriert. Es gibt also hergestellte Variablen und davon abhängige, registrierte Variablen. Hergestellte Variablen heißen unabhängige Variablen; die in Abhängigkeit von der hergestellten (unabhängigen) Variablen registrierten Variablen nennt man abhängige Variablen. Die abhängige Variable stellt z.B. eine Reaktion der Person dar, die einer experimentellen Bedingung unterworfen wurde. Solche Reaktionen können u.a. sein Reflexe, komplexe Handlungen, Erlebnisschilderungen oder Berichte über Introspektion, Ausdruckserscheinungen, elektrophysiologische Erscheinungen, Hormon-, Zucker- oder Harnsäurekonzentrationen des Bluts, aber auch indirekt dokumentierte menschliche Reaktionen, z.B. die Handschrift oder das Resultat einer Gruppenarbeit. In Experimenten und in anderen empirischen Untersuchungen gibt es eine dritte Gruppe von Variablen, die weder experimentell variiert werden noch von den experimentellen Bedingungen abhängig sind, aber dennoch einen Einfluß auf die Resultate haben können. Es handelt sich um vermittelnde (intervenierende) Variablen, die dafür verantwortlich gemacht werden, daß Reaktionen nicht die eindeutige und unmittelbare Folge von Reizen sind, sondern daß zwischen Reiz und Reaktion im Organismus latente, mehr oder minder beobachtbare Prozesse ablaufen, die das Resultat beeinflussen. Intervenierende Variablen können auch als organismische Variablen bezeichnet werden, die nicht direkt beobachtbar, aber indirekt erschließbar sind, da sie in spezifischer Weise die Reaktion eines Individuums auf einen Reiz bzw. eine Reizsituation beeinflussen. Organismische Variablen sind etwa Merkmale des untersuchten Organismus wie Körpergröße, Pigmentierung oder Alter; physiologische Merkmale wie Blutdruck, vegetative Erregbarkeit, EEG-Aktivität; psychologische Merkmale, die im allgemeinen über das Verhalten in Testsituationen erschlossen werden, wie Intelligenz, Ängstlichkeit, Neugier oder Leistungsmotivation usw.

Wie für andere Untersuchungsverfahren der Psychologie gelten auch für das psychologische Experiment bestimmte Gütekriterien. Diese Gütekriterien werden zumeist als Forderungen formuliert. So muß ein psychologisches Experiment ebenso wie ein psychologisches Testverfahren objektiv, zuverlässig und gültig sein. Daneben soll es sich ökonomisch durchführen lassen sowie eine theoretische und praktische Relevanz besitzen. Ein Experiment ist objektiv, wenn die Person des Versuchsleiters keinen Einfluß auf das Resultat ausübt. Ein Experiment ist zuverlässig, wenn die Wiederholung an einer vergleichbaren Versuchspersonenstichprobe nur zufällig unterschiedliche Resultate liefert (Gütekriterium der Reliabilität). Ein experimentelles Resultat schließlich ist gültig, wenn die gezogenen Schlußfolgerungen eine Entsprechung in der Realität haben (Gütekriterium der Validität).

Unter dem ökonomischen Gesichtspunkt erscheint ein Experiment um so besser, je weniger Aufwand es für ein bestimmtes Resultat benötigt. Im Hinblick auf seine theoretische Relevanz soll ein Experiment nicht beliebige Informationen sammeln, sondern nur solche, die eine Bedeutung für die Theorienbildung haben. Hinter der Forderung nach theoretischer Relevanz steht die weitergehende und entscheidende Forderung nach praktischer Relevanz. Zwar kann nicht für jedes Experiment ein unmittelbarer praktischer Nutzen gefordert werden, erwünscht ist jedoch ein nachweisbarer Bezug zu praktisch relevanten Problemlösungsansätzen. Gerade im Hinblick auf ethische Fragen muß der Wissenschaftler heute die Frage nach der Relevanz, dem Nutzen und dem Nutznießer von psychologischen Experimenten zu beantworten suchen und sein Handeln einer allgemeinen humanitären Zielsetzung unterordnen (vgl. dazu Kap. 12).

Die Leistungen und Vorzüge des psychologischen Experiments können in der Regel erst dann voll genutzt werde, wenn seine Grenzen und Fehlerquellen kritisch diskutiert werden. So wollen wir hier – ausdrücklich am Beispiel des Experiments – verschiedene Untersuchungsfehler beschreiben, wie sie selbstverständlich auch bei anderen empirischen psychologischen Untersuchungen wie Test und Interview auftreten können (vgl. dazu Kap. 6.3 und 7.5). Im einzelnen sind u.a. zu unterscheiden:

  1. Fehlerquellen bei der untersuchten Person. Besonders aus der pharmakologischen und psychopharmakologischen Forschung ist seit längerer Zeit bekannt, daß auch sogenannte Leerpräparate (Placebos = harmlose Substanzen ohne jede spezifische biologische Wirkung) subjektiv, aber auch objektiv feststellbare Veränderungen bewirken (Placeboeffekt). Die Erwartungen der Versuchspersonen beeinflussen also – unabhängig von der tatsächlichen Heilwirkung eines Präparats – das subjektive Befinden und den objektiv beobachtbaren Zustand bzw. das Verhalten. Allgemein bekannt geworden ist der Placeboeffekt, kombiniert mit zusätzlichen sozialpsychologischen Effekten, durch eine betriebspsychologische Untersuchung in den Hawthone-Werken, aus deren Namen sich eine eigene Bezeichnung dieser Fehlerart als «Hawthorne-Effekt» ableitet [Anmerkung]. Auch in der pädagogischen Forschung läßt sich ein Einfluß der Erwartungen seitens der Versuchspersonen an einem experimentellen Effekt nachweisen. Der Stolz etwa, für ein wichtiges fortschrittliches Experiment ausgewählt zu sein, erhöht die Tendenz, positiv auf neue Verfahren anzusprechen (Novitätseffekt).
     
  2. Fehlerquellen beim Versuchsleiter. Hier unterscheidet man zwischen Beobachtungsfehlern und Beurteilungs- sowie Interpretationsfehlern. Während Beobachtungen nur die Umsetzung von Wahrnehmungen in ein Protokoll betreffen, geht es bei der Beurteilung um die interpretierende Verarbeitung von Beobachtungen, z.B. durch Zusammenfassung mehrerer Beobachtungen unter einen einheitlichen Gesichtspunkt. Die bekanntesten Fehler sind hier
     
    1. Zentraltendenz (error of central tendency): Bevorzugung mittlerer Skalenpunkte; mögliche Ursachen sind u.a. Unsicherheit, übertriebene Vorsicht oder mangelhafte Informationsbasis bei der Beurteilung von Versuchspersonen;
    2. Schwarzweißmalerei: Bevorzugung extremer Beurteilung; mögliche Ursachen sind u.a. die Gewohnheit, in wenigen Kategorien zu denken, und die Unfähigkeit, Unsicherheit zu ertragen und Entscheidungen in der Schwebe zu halten;
    3. Milde-Fehler (generosity error, error of leniency): Bevorzugung positiver Beurteilungen; mögliche Ursachen sind u.a. Kritiklosigkeit, Nachsicht oder Schönfärberei;
    4. Halo-Effekt: Verarbeitung der Beurteilungen zu einem konsistenten Bild auf Grund hervorstechender Einzelheiten; die Ursache dieses Effekts ist eine Tendenz zu Ordnung und Widerspruchsfreiheit;
    5. logischer Fehler (logical error): gegenseitige Angleichung von Beruteilungsvariablen, die generell als zusammengehörig oder verwandt erlebt werden; der logische Fehler wird verursacht durch die mangelnde Differenzierungsfähigkeit bei der Informationsverarbeitung;
    6. Sympathiefehler: die Tendenz, sympathische erlebte Personen günstiger zu beurteilen als unsympathische; dieser Fehler ist verwandt mit dem Halo-Effekt und dem logischen Fehler;
    7. Kontrastfehler: die Tendenz, an sich selbst wahrgenommene Merkmale den beurteilten Personen in besonders extremer Ausprägung zuzusprechen;
    8. Nähefehler: die Tendenz, auf dem Beurteilungsbogen benachbarte Skalen ähnlich zu beurteilen;
    9. Antwortstereotypien (response sets): fixierte Gewohnheiten bei der Benutzung von Beurteilungsskalen, w. B. die Bevorzugung von «Ja»- gegenüber «Nein»-Antworten oder räumliche Präferenzen bei graphischen Skalen.
       
  3. Fehlerquellen in der sozialen Interaktion zwischen Versuchsleiter und Versuchsperson. Persönliche Merkmale des Versuchsleiters, die die Versuchspersonen im sozialen Interaktionsprozeß in ihrem Verhalten beeinflussen, können die experimentellen und psychodiagnostischen Resultate erheblich verändern. Zu nennen sind hierbei etwa der Modeling-Effekt: Versuchspersonen ähneln in ihrem experimentell untersuchten Verhalten oft überraschend dem Verhalten, das der Versuchsleiter selbst als Teilnehmer dieses Experiments zeigt. Wahrscheinlich auf nonverbalem Weg (Mimik, Gestik, Tonfall) beeinflussen Versuchsleiter ihre Versuchspersonen so, als hätten sie selbst Modell für das zu untersuchende Verhalten gestanden. Der Versuchsleiter-Erwartungseffekt (Rosenthal-Effekt): Das Verhalten der Versuchspersonen entspricht stark den Erwartungen der Versuchsleiter über die experimentellen Ergebnisse. Dieser Effekt macht deutlich, daß die Erwartungen des Versuchsleiters über unbewußte Prozesse wie Ausdrucksverhalten und Zuwendungsverhalten die Reaktionen der Versuchspersonen unbemerkt steuern. Es ist deshalb davon auszugehen, daß ein Versuchsleiter unbewußt in der Lage ist, experimentelle Ergebnisse in dem von ihm erwarteten oder erwünschten Sinne zu produzieren (Preiser 1977, S. 122-127).
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